Chronik eines vergessenen Volkes

Aus dem Leben der Zigeuner Osteuropas

Samstag, 29.05.2004, 22:00 Uhr, Länge: 96 Min.

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Etwa 12 Millionen Menschen weltweit bezeichnen sich als „Roma" - übersetzt aus ihrer Sprache heißt es schlicht „Mensch". Andere Bezeichnungen: Zigeuner, Ägypter, Schwarze, Tsingani. Erst seit einiger Zeit weiß man sicher, dass sie aus Nordindien stammen und sich von dort in der ganzen Welt niedergelassen haben. Die meisten leben in den ehemaligen Ostblockstaaten Südosteuropas: Rumänien, Bulgarien, Serbien, Mazedonien. Sie hatten sich in der langen Zeit des Kommunismus mehr versteckt als angepasst, heute sind ihre Gemeinschaften größer denn je - aber auch ärmer denn je. Wahre Ghettos, verslumte Stadtteile, hohe Analphabetenrate. Viele haben versucht, sich mit den neuen Zeiten zurecht zu finden, einige hatten genug Talent, um im Räuberkapitalismus der Nachwendezeit zweifelhaftes Vermögen anzuhäufen, das sie nun in bizarren Villen leben lässt, argwöhnisch beäugt von ihresgleichen und den „Gadsche": „Fremde", so nennen die Roma alle anderen.

Doch die meisten sind zurückgefallen in ihre mittelalterliche Lethargie. Sie verbieten ihren Töchtern, höhere Schulen zu besuchen, ihren Söhnen bringen sie bei, das moderne Bildungswesen für verdächtig zu halten. Sie grenzen sich ab, mehr noch werden sie ausgegrenzt: Regelmäßig klagen Menschenrechtsorganisationen über systematische Benachteiligungen der Roma.

Süddeutsche Zeitung TV-Autor Christian Bock hat die Roma in fünf verschiedenen Ländern besucht, und kennt einige Sippen schon seit zehn Jahren, so etwa die letzten Ursali des Balkans, ein Stamm in Bulgarien, der Tanzbären hält. Ihr Handwerk ist seit kurzem verboten. Die Geschichte des Bärenmannes Iwan, der seine Bärin Marianna zwar liebt, aber trotzdem quält, und der sie nun in einem Gehege unterbringen lässt, steht für den Übergang einer ganzen Gesellschaft: Länder wie Bulgarien lernen die Sekundärtugenden des Westens wie zum Beispiel Tierschutz kennen.

Eine andere Facette der notorisch chaotischen, schwer zugänglichen und immer noch geheimnisvollen Welt der Zigeuner sind ihre Könige: König Jan, den man des Uranschmuggels verdächtigt; König Florin mit dem goldenen Zepter; König Kiro, dessen Vater angeblich in einem goldenen Sarg beerdigt wurde. Teilweise bizarre Figuren, die in ihren Stämmen aber über Tod und Leben entscheiden können.

Ebenso faszinierend wie märchenhaft sind die bunten Züge der Zigeunermädchen, die auf traditionellen Hochzeitsmärkten nach Männern suchen. Früher wurden sie verkauft, heute sind die meisten zu arm, sich für ein paar tausend Euro eine Schwiegertochter zu leisten.

Süddeutsche Zeitung TV über eine Gesellschaft am Scheideweg: Kultureller Verfall und Armut, oder Selbstbehauptung und Rückkehr in das moderne Europa.

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