Ein Bademantel auf Reisen

Aus der wunderbaren Welt der Hotel-Wäsche

Montag, 23.04.2007 23:00 Uhr

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Das Hyatt Hotel am Potsdamer Platz -ein ultramodernes Haus mit 342 von einem Schweizer Designer gestalteten Zimmern und Suiten. Die Gäste erwarten von einer Unterkunft dieser Kategorie einiges: perfekten Service, Sauberkeit und immer ein frisch bezogenes Bett nebst frischer Wäsche. Hinter den jeden Morgen schön gefalteten Wäschestücken steckt ein kleines Kapitel Globalisierung und die sehr wichtige Frage, wie man einen Gürtel richtig um den Bademantel schlingt.

Für die Gäste sind Bademäntel und Handtücher eine Selbstverständlichkeit, für die Reinigungsfrauen nur ein Berg Wäsche, für Franz-Josef W. vor allem eines: ein gutes Geschäft. Denn seine Firma hat sich auf Hotel-Wäsche spezialisiert. Im polnischen Nowe Czarnowo bei Stettin lässt er im Auftrag verschiedener Luxushotels Wäsche waschen – ein logistisches Wunder der on-time-Lieferung. Seine Kunden verlassen sich darauf, dass ihre schmutzige Wäsche tipptopp gewaschen und vor allem pünktlich wieder zurück ist – fehlende Ausstattungsstücke in noblen Suiten sind für Hotelmanager ein Alptraum.
Die Bademäntel des Hyatt gehen zunächst durch die Hände von Angestellten der Firma R., die die Putzkräfte stellt. Sodann übernimmt ein polnischer Fahrer die Ladung und fährt sie, an den berühmten „Friseurendörfern“ an der deutsch-polnischen Grenze vorbei, nach Polen. Und dort werden sie nicht nur gewaschen: Auch das kunstvolle Legen – mit Knoten vorne, Kragen zu oder auf, gefaltet oder auf Bügel gehängt – gehört zum Service der Firma. Sechzehn volle Container frischer Wäsche rollen zurück nach Berlin. Im Hyatt beginnt der Knochenjob der Zimmermädchen: Um die vier Zimmer putzen sie pro Stunde. Alles hat seinen Platz: vom Bademantel, über Schuhputzbürsten bis hin zum Kissen – alles muss genau arrangiert sein. Die Vorlage dafür finden die Zimmermädchen in Form einer ausgehängten Fotoreihe. Doch es gibt auch Ausnahmen: Deutet das Personal die Zeichen des Gastes, hängen sie das Handtuch ausnahmsweise nicht ins Badezimmer sondern über die Lehne des Sessels. Und manchmal gibt es dafür auch mal ein freundliches „Danke“.
Jeder Handgriff ein Arbeitsplatz, jeder Arbeitsplatz eine kleine Geschichte der globalen Wirtschaft. Kaum einer der Hotelgäste in den Suiten des Hyatt ahnt, dass sein unbedacht abgelegter Bademantel eine Familie in Ulan Bator ernährt, einem jungen Polen den Traum von der Familie ermöglicht – und dem Disponenten der Firma F. eine Menge Stress bereiten kann.
Süddeutsche Zeitung TV über die Wichtelarbeit der Wäschefirmen und wie die Globalisierung einen Bademantel auf Reisen schickt.

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