Rein in die Schuldenfalle

Armut, Abzocker und die Arbeit der Gerichtsvollzieher

Sonntag, 05.07.2009 23:30 Uhr

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Süddeutsche Zeitung TV über Schuldnerschicksale und das Tagesgeschäft der behördlichen Geldeintreiber

Knapp drei Millionen Deutsche sind verschuldet. Und weil mit den Kontoständen die Zahlungsmoral sinkt, haben Gerichtsvollzieher eine Menge zu tun. Ohne sich selbst Sorgen machen zu müssen: Sie sind unkündbare Justizbeamte und können die Wirtschaftskrise mit etwas Gelassenheit betrachten – nicht aber deren Folgen: dreiste Schuldenflüchtlinge, Mietnomaden, zunehmende Verwahrlosung.

Anja L. aus Aachen arbeitet seit acht Jahren als Geldeintreiberin, kann aber bei ihren Schuldnern jedes Jahr weniger pfänden - den "Kuckuck" auf Gegenstände kleben. Wohnungseinrichtungen sind im Schnitt kaum noch etwas wert. Und bei Elektroartikeln ist der Preisverfall so hoch, dass sich eine Versteigerung meist nicht mehr lohnt. Wenn gar nichts mehr zu holen ist, müssen Schuldner die eidesstattliche Versicherung abgeben. Vor allem: „Der Umgang mit Schuldnern ist härter geworden“, sagt die 35jährige. Anja L. wurde mehrmals mit Waffen bedroht. Auch deshalb sind Belastbarkeit, Fingerspitzengefühl und viel Geduld in ihrem Job unverzichtbar.

Walter H. ist seit 35 Jahren als Gerichtsvollzieher am Amtsgericht Frankfurt a.M. tätig. Sein Beruf hat sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt, stellt der 63jährige fest. Früher hatten die Schuldner noch Respekt vor dem Zwangsvollstrecker. Doch heutzutage ist sein Besuch bei vielen Betroffenen Alltag. Seine Schuldner sind nicht immer nur Menschen, die sorglos über ihre Verhältnisse leben, zu viel telefonieren oder aus Katalogen bestellen. Es geraten immer mehr in die Schuldenfalle, die einen Job haben und der Mittelschicht angehören.

Auch wenn der Beruf frustrierend ist, beide hängen an ihrem Job. Aber eines haben Anja L. und Walter H. gelernt: Sie müssen Distanz zu den Schicksalen ihrer Schuldner bewahren. Mitleid dürfen sie haben, aber nicht zeigen.

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