ARTE THEMENABEND

Angst vor Schmerzen

Dienstag, 27.10.2015 um 20:15 Uhr bei ARTE

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Arte Themenabend
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Das Thema
Seit über einem Jahrhundert verspricht uns die Pharmaindustrie, dass mit der richtigen Pille der Schmerz „abgeschaltet" wird. Risiken und Nebenwirkungen werden bewusst verharmlost. Vor allem, wenn es um die rezeptfreien Schmerzmittel geht, die sogenannten „OTC" (over the counter)-Produkte. Obwohl Experten frei verkäufliche Wirkstoffe wie Paracetamol wegen ihrer Schädlichkeit am liebsten verbieten würden, handeln weder Mediziner, Pharmaindustrie noch Politik: zu intensiv sind die Verflechtungen, zu erfolgreich die Lobbyarbeit - und zu lohnend das Millionengeschäft mit den frei verkäuflichen Pillen.
Während uns einerseits suggeriert wird, dass Schmerz schnell zu behandeln ist, leiden Menschen auf der anderen Seite immer länger an Schmerz: die Zahl der chronischen Schmerzpatienten wächst, in Deutschland und in Frankreich. Schuld daran ist das fehlende Wissen in der Ärzteschaft, aber auch die mangelnde Bereitschaft der Gesundheitssysteme, sich schnell und nachhaltig um Schmerzpatienten zu kümmern.
ARTE THEMA Die Angst vor Schmerzen beschäftigt sich mit Schmerz - welche Rolle er in unserem Leben spielt, wie das Geschäft mit dem Schmerz aussieht und warum es für chronisch Betroffene so schwer ist, ernst genommen zu werden und Heilung zu finden. Die erste Dokumentation beschreibt den Schaden, der entstehen kann, wenn rezeptfreie Schmerzmittel sorgenlos konsumiert werden - und wie die Industrie mit Hilfe medizinischer Experten bereits Kinder und Jugendliche als Käufer zu gewinnen sucht. Die zweite Dokumentation beschreibt die Leidenswege chronisch Schmerzkranker und zeigt, wie moderne Therapien heute schon erstaunliche Erfolge erzielen. Nur, es gibt zu wenige Spezialisten für zu viele Patienten.
 
1. Dokumentation: Angst vor Schmerzen
Ein Film von Judith Stein und Robert Eckert
52 Minuten
Folge dem Weg des Geldes: Das haben sich die Enthüllungsjournalisten auf die Fahnen geschrieben, die die amerikanische Website „Dollars for Docs" initiiert haben. In der Dokumentation beschreibt die Pulitzer-Preisträgerin Tracy Weber, wie sie an die Daten der vielen US-Ärzte gekommen sind, die Geld von der Pharmaindustrie bekommen: als Vortragshonorar, Beratungshonorar oder auch nur in Form einer Urlaubsreise. Manche Mediziner kommen so auf einen Spitzenverdienst von einer Million Dollar pro Jahr - zusätzlich zu ihrem normalen Praxisgeschäft. Diese Zahlen und die damit verbundenen Fragen nach der Unabhängigkeit dieser Ärzte haben in den USA inzwischen zu einem neuen Gesetz geführt, nach dem Ärzte die Gelder, die sie von der Industrie bekommen, offenlegen müssen. In Deutschland muss das kein Arzt tun - die Dokumentation forscht deshalb anhand eines Beispiels nach, wie Ärzte von der Pharmabranche eingebunden werden und spricht mit Kritikern und den von der Industrie beauftragen Ärzten. In dem beispielhaften Fall geht es um Werbung für ein rezeptfreies Schmerzmedikament, das angeblich für Kinder und Jugendliche besonders geeignet ist.
Wie fatal der Glaube an die schnelle und folgenlose Hilfe von Analgetika ist, zeigt außerdem das Beispiel einer Frau, die jahrelanger Schmerzmittelkonsum zur Dialyse-Patientin gemacht hat. Ihre Nieren - im Fachjargon „Analgetika-Nieren" - sind funktionsunfähig.
 
2. Dokumentation: Leben mit Schmerzen
Ein Film von Judith Stein und Robert Eckert
52 Minuten
„Sie würden per Knopfdruck jemanden töten, nur damit der Schmerz aufhört!" - die Aussage einer Frau, die seit Jahren chronisch an schweren Schmerzen leidet. Nicht Betroffene können sich tatsächlich kaum vorstellen, wie sich aus einem Bandscheibenvorfall oder einer harmlosen Operation multiple Schmerzzustände entwickeln können. Die Ursache liegt im Kopf: wie jeder andere Lerninhalt werden auch Schmerzen, wenn sie immer wieder kommen oder länger dauern, abgespeichert und „verselbstständigen" sich irgendwann, erklärt Deutschlands renommiertester Schmerzforscher und Neurologe, Prof. Walter Zieglgänsberger.
Dauert ein Schmerz länger als sechs Monate, spricht man von chronischem Schmerz. Die Dokumentation zeigt anhand von Patienten in Deutschland und Frankreich, wie der gelernte Schmerz entschärft und wieder „verlernt" wird: mit Sport, Medikamenten, mentalem Training und Psychotherapie. Eine Mischung, von der nur wenige Ärzte etwas verstehen. So ist in Deutschland Schmerzmedizin erst ab 2016 im medizinischen Grundstudium Inhalt, in Frankreich ist das schon seit 1998 so. Dennoch fehlen in beiden Ländern ausgewiesene Experten - in Deutschland kommen auf rund 10 Millionen Schmerzpatienten nur 900 Schmerzspezialisten. In Frankreich kommen auf die gleiche Anzahl von Schmerzpatienten rund 1.000 Schmerzexperten.
Besonders tragisch wirkt sich die Expertenknappheit auf kindliche Patienten aus. Rund 350.000 Kinder und Jugendliche leiden chronisch an der Krankheit „Schmerz" - aus ihnen werden, wie der Experte und Kinderarzt Prof. Boris Zernikow weiß, mit großer Sicherheit auch erwachsene Schmerzpatienten. Damit nicht ein ganzes Leben voller Schmerz auf sie wartet, lernen die jungen Patienten hier aktiv gegenzusteuern.
 

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