Hauptsache ein Junge!

Donnerstag, 11.11.2015, 20:15 in 3sat

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Ein Film von Birgit Wuthe und Magdalena Schüßler
Vor den Toren der EU geschieht eine Art stiller Völkermord. Jede fünfte Frau würde die Schwangerschaft beenden, sollte sie ein Mädchen erwarten, schätzen albanische Ärzte. Auch in Armenien werden Mädchen schon vor der Geburt aussortiert. Und das ist nicht ohne Folgen geblieben: In Armenien kommen auf 100 lebend geborene Mädchen 115 Jungen, in Albanien sind es 112. Was nach vergleichsweise kleinen Abweichungen klingt, wird die Bevölkerung auf Generationen hinaus aus dem Gleichgewicht werfen, sagt Christophe Guilmoto von der Universität Paris-Descartes, einer der führenden Experten für anormale Geschlechterverteilung weltweit.

Warum töten Eltern ihre ungeborenen Töchter? Wie leben Frauen damit? Eine Spurensuche in Albanien, einem Land, in dem moderne Medizin auf traditionelle Familien trifft. In Privatkliniken, wo die Ärzte keine Fragen stellen, im abgeschiedenen Hinterland und in der modernen Hauptstadt. Nicht nur hier ist der Genderzid längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Er reicht bis hinein in die EU.

In England führen Kliniken und Ärzte verbotenerweise geschlechtsbezogene Abtreibungen durch, in Schweden ist das ganz legal. Der Markt für Medizintechnik bietet immer neue Möglichkeiten. Weltweit gibt es mittlerweile ein Defizit von etwa 160 Millionen Frauen. Das ist nicht nur demographisch ein Problem, sondern kann auch gefährlich werden. Länder mit starkem Männerüberschuss tendierten dazu, „autoritäre politische Systeme zu entwickeln", sagt die Politikwissenschaftlerin Andrea den Boer. In Armenien hat man jetzt erkannt: So kann es nicht weitergehen. Ein neues Gesetz soll Abtreibungen aufgrund des Geschlechts verbieten, den Entwurf gibt es schon. Doch bringt das wirklich etwas? Yeva Avakyan ist Spezialistin für Genderfragen, ist selbst in Armenien aufgewachsen und arbeitet in ihrer Heimat seit Jahren mit Familien und Frauen. In Gruppendiskussionen und im persönlichen Gespräch mit den werdenden Eltern wird deutlich: Geschlechtsselektion beginnt nicht erst beim Arzt - und endet auch nicht hier.
 

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